»Du willst das spüren, was in dir ist«
»… Neh’m Sie auch noch’n Pilsner?« Herr Wendriner erzieht seine Kinder. Bereits die Eingangsfrage des Textes »Herr Wendriner erzieht seine Kinder« bezieht das Publikum in die turbulenten Alltagswirren mit ein. Das war schon ein besonderer Abend, der am 22. Mai, um 19:30 Uhr im Lebensgarten – Der Bioladen in Soest stattfand. Ein gelungener Auftakt, der den Start gab für die Stadtoper Cosi fan tutte in Soest.
Sechs Abiturienten des diesjährigen Abiturjahrgangs des Aldegrever-Gymnasiums hatten sich mit ihrer Lehrerin Linda Keil auf die Spurensuche des Motivs »Cosi fan tutte - So machen’s alle. Auch bei Tucholsky?« in den Texten Kurt Tucholskys begeben. Herausgekommen ist ein humorvoller Mix aus szenischen Texten, ausdrucksstarker Lyrik und Kurzprosa. Hervorzuheben sind hierbei besonders die variablen Lesekünste, mit denen die Abiturienten ihr Talent »Texte zu leben« unter Beweis stellten und die dazu passende gemütliche und anheimelnde Atmosphäre des Bioladens in Soest, dessen Personal sich mit dem eigens für die Stadtoper ausgewählten Wein um die Zuhörer kümmerte. Schon bei dem eingangs genannten Satz des Textes »Herr Wendriner erzieht seine Kinder« (Jan Brieger) wird klar: das wird ein heiterer Abend. Es folgten Texte wie »Aufgewachsen bei« (Kim Thomae), »Malwine« (Jan Groll), »Die Frau spricht« (Marie Eickhoff, Vivian Gresser, Kim Thomae), »Ballade« (Sebastian Kassing) und »Ein Wort« (alle).
Linda Keil ist es mit ihrer Textauswahl gelungen, die humorvollen Aspekte menschlicher Beziehungen mit nachdenklichen Texten zu verbinden. So beichtete nach der Pause Lottchen ihrem Sugar-Daddy, dass das mit dem anderen Mann nur so eine Art Laune war, denn »wenn eine Frau alleine ist, dann ist sie viel alleiner als ihr Männer« (besonders akzentuiert vorgetragen von Kim Thomae). Im Ehekrach lieferten sich Vivian Gresser und Sebastian Kassing ein regelrechtes Wortgefecht und Marie Eickhoff zeigte mit Die arme Frau, dass ein »dicker Mann, der Dichter«, ein Mann ist, der doch nur in Büchern recht ansehnlich scheint.
Dem Publikum konnte man ansehen und anhören, dass die Texte lebensnah Wirklichkeit abbilden. Etwas ruhiger wurde es bei dem Gedicht Dein Lebensgefühl, das mit den Versen endet: »Du willst das spüren, was in dir ist, und hast eifrig zu tun mit dem, was um dich ist – Verschüttet ist dein Lebensgefühl. Wenn Du tot bist, wird es dir sehr leid tun. Noch ist es Zeit –!« (Jan Groll).
»So können wir Sie, liebes Publikum jetzt aber nicht nach Hause gehen lassen«, verkündete Sebastian Kassing und präsentierte zusammen mit Vivian Gresser die immer wieder erheiternde Situation, wenn ein Ehepaar einen Witz vortragen will.Ein rundum gelungener Abend, am 22. Mai, der den Alde-Abiturienten, Linda Keil und der hervorragenden Bewirtung des Bioladens zu verdanken ist. »Wir würden jeder Zeit wieder mitmachen«, so Jan Groll. Ein Fazit, dass alle Abiturienten unterstreichen würden. So bewahrheitet sich der Ausspruch Tucholskys »Du brauchst nur zu lieben und alles ist Freude«. Hier lieben junge Menschen Literatur.
Soester Anzeiger, 28.05.2013
Mit der Spidercam bis nach Phoenix
In der Küche hängt die Postkarte mit dem Schriftzug »Phoenix Arizona«. Eine Luftaufnahme am Abend, die die funkelnden Lichter der Millionenstadt in der Dämmerung zeigt. Es ist erst ein paar Tage her, seit Laura Mähler aus Welver diese Eindrücke live erleben durfte. Die Abiturientin wurde zu dem internationalen Wissenschaftswettbewerb ISEF eingeladen. Wie es dazu kam, weiß die 18-Jährige immer noch nicht so wirklich. »Seit ich bei Jugend forscht mitmache, kommen ständig neue Einladungen zu verschiedensten Wettbewerben.« Eigentlich kann sie immer noch nicht glauben, dass sie gerade erst für eine Woche nach Amerika gejettet ist, und das alles ohne etwas dafür zu bezahlen.
Angefangen hat alles 2011 mit der ersten Teilnahme bei Jugend forscht, einem Forschungs-Wettbewerb für junge Wissenschaftler. Damals hat ihre Mitschülerin Marie Sanders auch teilgenommen. Schon vor zwei Jahren konnten die beiden Schülerinnen des Aldegrever-Gymnasiums Soest mit ihrem Projekt bis in die Bundesebene durchstarten. »Danach habe ich Blut geleckt und wollte immer weiter machen«, erzählt Laura Mähler, die eigentlich einmal Englisch auf das Lehramt studieren wollte. Im letzten Jahr konnte sie sich dann mit ihren Forschungen zum Thema »Fliegende Kameras« bis in die USA kämpfen. »Das waren ganz andere Dimensionen dort. Alles ist fünfmal so groß wie in Deutschland, und das ist einfach faszinierend«, sagt die 18-Jährige begeistert. Dr. Andreas Pallack, Mathematiklehrer am Aldegrever-Gymnasium, sei an allem Schuld, erklärt die frisch gebackene Abiturientin lachend. »Er ist supermotiviert und bringt die tollsten Projekte und Vorschläge an unsere Schule.« Durch seinen Appell konnte sich im letzten Jahr die schulinterne Projektgruppe zu Jugend forscht entwickeln. Fünfzehn Schüler nahmen dadurch an dem Wettbewerb teil. Laura Mähler war jedoch die Einzige, die dank ihrer Arbeiten und der großzügigen Unterstützung ihres Lehrers die Reise ins »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« antreten konnte. Sie hat sich mit den sogenannten »Spidercams« beschäftigt, die man häufig bei Top-Spielen in Fußballstadien beobachten kann. Mit Hilfe analytischer Geometrie hat sie erstmalig die Wege der einzelnen Kameraläufe beschrieben.
Für ein Stipendium über 50 000 US-Dollar hat es leider nicht gereicht, dafür hat sie aber Erfahrungen und Eindrücke gesammelt, die ihr keiner mehr nehmen wird. »Natürlich sind die Vorbereitungen für so einen Wettbewerb unglaublich zeitaufwendig, aber es ist mittlerweile ein Hobby geworden«, erklärt die junge Frau ihre Motivation. Vor der ersten Präsentation musste das Projekt in einer Art Facharbeit abgedruckt eingeschickt werden. Für Laura Mähler »kein Problem«, obwohl die Welveranerin zu dem Zeitpunkt mitten in den Abiturprüfungen steckte. »Es bleibt immer noch Freizeit, man muss nur wissen, wie man sich die Arbeit richtig einteilt«, beschreibt die Abiturientin ihr Zeit-Management. Wenn Laura Mähler mal nicht am Schreibtisch sitzt, verbringt sie Zeit mit ihren Freunden. »Nicht, dass hier noch ein falscher Eindruck entsteht. Ich bin kein Wissenschafts-Nerd. Ich habe auch andere Hobbys«, betont die 18-Jährige lächelnd. Eines davon ist neuerdings das Reisen – aber wem würde es nicht so gehen, wenn man aus dem heißen Arizona wieder zurück ins mittlerweile heimisch gewordene Grau kommt …
Westfalenpost, 25.05.2013
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